Tempelhof-Schöneberg: Von A bis Z – Grundbildung im Bildungszentrum Tempelhof

19.05.2022

Drei Jahre lief das PEB-Projekt ALmA – Abwechslungsreich Lernen, miteinander Arbeiten des Trägers GFBM, in dem Menschen neben theoretischem Grundbildungsunterricht auch praxisorientierte Angebote erhielten. Ein Erfahrungsbericht des Kursleiters Lucas Romeik.


Ich bin sehr froh darüber, dass ich drei Jahre das Projekt ALmA als Kursleiter begleiten konnte und so mannigfaltige Erfahrungen mit Menschen, die lesen und schreiben lernen wollen, sammeln konnte. In der Alphabetisierung und Grundbildung sehe ich mich nicht in der Rolle des Lehrers gegenüber der Gruppe, sondern als Lernvermittler. Auch ich lerne jeden Tag Neues und passe die Lernmaterialien und Themen kontinuierlich, tagesaktuell und den Bedürfnissen der Teilnehmenden entsprechend an.

Die Menschen, die zu ALmA kamen, hatten alle eine Gemeinsamkeit: sie hatten Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Die nächste Gemeinsamkeit, die fast alle hatten: sie kamen aus einem nichteuropäischen Herkunftsland und haben in der Heimat die Schule nicht besuchen können. Damit ging die nächste große Gemeinsamkeit einher: viele hatten traumatisierende Fluchterfahrungen auf dem Weg nach Deutschland gemacht. Sie haben i.d.R. in Deutschland bereits an mehreren Sprachkursen teilgenommen. Dort fielen sie aus dem Raster, weil sie in dem angesetzten Tempo des europäischen Bildungsstandards nicht in der Lage waren, ein Sprachzertifikat zu erwerben. Der Hintergrund: fehlende Kenntnisse im Lesen und Schreiben – bereits in der Muttersprache. ALmA war also häufig schon der zweite oder dritte Versuch.

Am Anfang des Projektes wuchs die Gruppengröße stetig an, die Heterogenität der Gruppe und die hohe Binnendifferenzierung waren von Beginn an eine Herausforderung. Mit Einzelarbeit und individuell ausgewählten Lehrwerken reagierte ich immer wieder auf ein Neues. Ab einer Stärke von acht Personen wurde es immer schwieriger, alle Teilnehmenden ausgewogen zu betreuen. Also kam ein Quereinsteiger zu ALmA, der Farsi übersetzen konnte und auch schnell in seine neuen Aufgaben im Einzelunterricht und in der Beratung hinein gewachsen ist. So konnte ich die primären Analphabeten besser unterstützen. Gerade am Anfang des Schrifterwerbs (Lautsynthese) ist eine geduldige Begleitung unabdingbar.

Zusätzlich zum Bildungsangebot bot ALmA auch sozialpädagogische Unterstützung an. Menschen, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, können i.d.R. auch keine Formulare ausfüllen, Anträge stellen oder Angebote der sozialen Infrastruktur wahrnehmen. Auch versehentlich abgeschlossene Verträge, Verschuldung oder familiäre Belastungen stellten bei vielen Teilnehmenden ein Hemmnis dar, das dem Lernfortschritt im Wege stand.

Die Sprachkompetenzen waren sehr unterschiedlich. Teilnehmende mit hoher gesellschaftlicher Teilhabe und damit verbundenem sprachlich fortgeschrittenem Sprachstand mischten sich mit denjenigen, die in ihrer Umgebung selten bis nie Deutsch sprechen, dafür aber schon Vorkenntnisse des Schrifterwerbs mitbrachten. Dann kam Corona und die Herausforderung, ohne persönlichen Kontakt zur Gruppe weiter zu unterrichten. Anfangs lösten wir dies mittels analoger Lernpakete, die per Post geschickt wurden. Ein digitaler Zugang war zu diesem Zeitpunkt unmöglich.

Vor der zweiten „Coronawelle“ bereiteten wir uns besser vor. Es gelang uns, die Gruppe mit Fähigkeiten auszustatten, den Handy-Messengerdienst „Signal“ zu handhaben. Mithilfe von „Signal“ änderte sich die Methodik schlagartig. Der Unterricht war nicht vergleichbar mit dem Präsenzunterricht, zumindest aber konnten wir den Kontakt und die Betreuung der TN aufrechterhalten. Die Gruppe wurde auch weiterhin mit Aufgabenpaketen versorgt und die Teilnehmenden konnten zur individuellen Unterstützung in Einzelterminen zu uns kommen.

Nachdem der Unterricht mit Abstand, regelmäßiger Lüftung und Masken wieder angelaufen war, hat sich die Situation weitestgehend normalisiert. Gruppenarbeit, Partnerarbeit oder Mingeln, welche zur Abwechslung beitragen, konnten nur bedingt wieder implementiert werden. Das Lernen konnte so noch nicht allen Lerntypen entsprechend stattfinden. Manche Teilnehmenden brauchen Bewegung, andere das Spiel oder Plakate zum Lernen.

Es zeichnete sich ab, dass ein kreativer Ansatz mit Kunst, Gestaltung und Musik das Lernen erheblich fördert, da er grundlegende, kreative Fähigkeiten freisetzt und damit auch eine kulturelle Teilhabe am Leben in Deutschland möglich macht. Ich wurde zunehmend zum Gesundheitsberater. Coronatests, Impfungen, 3-G Regeln: für alle Fragen war das Team von ALmA beratend, aufklärend und unterstützend, sowohl auf allgemeiner als auch persönlicher Ebene tätig.

Im Rückblick konnte ich mit der ALmA-Gruppe eine Bandbreite von Lehrmethoden anwenden, um den jeweils neuen Umständen zu entsprechen. Die Lernschritte wurden im gesamten Verlauf immer kleiner. Anfangs nahm ich mir zu viel im Unterricht vor, hatte zu hohe Erwartungen. Die TN brauchen einfach mehr Zeit, um sich den „Stoff“ zu merken und um ihn immer wieder zu üben, da, wie gesagt, zu Hause oft kein Deutsch gesprochen wurde. Der gute Gruppenverband und die vielen Exkursionen (Museen, Botanischer Garten, usw.) konnten viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer inspirieren, regelmäßig zu kommen und mit Freude zu lernen.

Der Bedarf an Alphabetisierung und Grundbildung ist weiterhin sehr hoch, die „Warteliste“ für derartige Projekte lang und das Angebot zu gering. Wir bräuchten dauerhaft mehr differenziertere Kurse für diejenigen, die dem Turbolernen nicht gewachsen sind.

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