
Das Projekt Letra (Spanisch für „Schrift“) setzt dort an, wo herkömmliche Ansätze oft an Grenzen stoßen: bei der beruflichen Teilhabe von Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen. Unser Ziel ist es, die Chancen für Arbeitssuchende nachhaltig zu verbessern – nicht, indem wir von ihnen verlangen, sich allein an eine schriftlastige Arbeitswelt anzupassen, sondern indem wir die Strukturen der Arbeitswelt gemeinsam verändern.
In vielen Berufen ist Schriftsprachkompetenz eine Grundvoraussetzung, die oft unhinterfragt von der Bewerbung bis zur täglichen Dokumentation eingefordert wird. Für sogenannte schriftferne Personen entstehen dadurch Barrieren, die den Zugang zum Arbeitsmarkt blockieren, obwohl sie motiviert und fachlich bestens geeignet sind. Letra stellt daher die entscheidende Frage: Wie muss sich die Arbeitswelt gestalten, damit Teilhabe unabhängig von der individuellen Lese- und Schreibfertigkeit gelingt?
Unser Vorgehen im aktuellen Entwicklungsprojekt
Um praxisnahe Antworten zu finden, arbeiten wir im Rahmen des Entwicklungsprojekts in drei aufeinanderfolgenden Stufen:
- Perspektivwechsel durch Einzelgespräche: Wir führen intensive Gespräche mit schriftfernen Personen, Unternehmen, Mitarbeitenden aus Jobcentern sowie Fachkräften aus der Grundbildung. Ziel ist es, die individuellen Erfahrungen, Hürden und Bedürfnisse aller Beteiligten ungefiltert zu erfassen.
- Vertiefung in Fach-Workshops: Die Ergebnisse der Einzelgespräche spiegeln wir in zielgruppenspezifischen Workshops zurück. Gemeinsam mit den jeweiligen Akteuren diskutieren, validieren und ergänzen wir diese Perspektiven, um ein tiefes Verständnis für die systemischen Herausforderungen zu entwickeln.
- Die Letra-Konferenz am 17. April – Dialog auf Augenhöhe: Zum Abschluss führen wir alle Beteiligten an einem Ort zusammen. Hier begegnen sich Wirtschaft, Verwaltung und Betroffene direkt, um ihre Erkenntnisse auszutauschen. Dieser Austausch findet konsequent auf Augenhöhe statt und dient dazu, gemeinschaftliches Wissen zu generieren.
Ziel des Projekts ist es, ein fundiertes Verständnis füreinander zu schaffen und Ideen zu entwickeln, wie im Rahmen eines Modellprojekts Barrieren im Arbeitsalltag abgebaut werden könnten. Sollten die Ergebnisse dieses Entwicklungsprozesses tragfähige Lösungen aufzeigen und durch das zuständige Gremium des Bezirks Lichtenberg als förderwürdig bestätigt werden, ist im Anschluss die Umsetzung eines konkreten Modellprojekts geplant, um die erarbeiteten Ansätze in der Praxis zu erproben.
Wir arbeiten gemeinsam an einer inklusiven Arbeitswelt, in der Schriftsprache nicht länger über die berufliche Zukunft entscheidet.
Weitere Informationen unter https://letra-berlin.de/
Zielgruppe:
- Arbeitssuchende Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz, auch als „schriftferne Personen“ bezeichnet.
- Dazu gehören sowohl deutschsprachige Personen mit sogenannten schriftbezogenen Schwächen als auch Menschen mit Migrationsgeschichte, die aufgrund von Bildungsabbrüchen oder fehlendem Zugang zur formalen Bildung keine sicheren Schriftsprachkenntnisse aufgebaut haben.
Diese Menschen sind strukturell benachteiligt – nicht wegen fehlender Arbeitsfähigkeit, sondern wegen schriftbasierter Anforderungen im Bewerbungsprozess, in der Kommunikation mit Behörden oder im Arbeitsalltag.
Beabsichtigte Ergebnisse im Entwicklungsprojekt:
Bedarfs- und Umfeldanalyse
- mithilfe von Einzelinterviews, Workshops und einer Abschlusskonferenz werden konkrete Ableitung erarbeitet.
- Klares Konzept für ein Modellprojekt
– mit konkreten Maßnahmen, Methoden und Zielgrößen zur Förderung beruflicher Teilhabe schriftferner Personen. - Sichtbarmachung schriftbezogener Barrieren
– aus Sicht der Betroffenen, systematisch erhoben durch Interviews und Workshops. - Praxisnahe Lösungsansätze
– z. B. für Bewerbung, Kommunikation im Betrieb, Arbeitsorganisation – entwickelt mit Jobcentern, Unternehmen und Bildungsakteuren. - Empfehlungen zur Ansprache und Begleitung der Zielgruppe
– unter Berücksichtigung von Scham, Unsicherheit und Motivation. - Aufbau tragfähiger Netzwerke
– zwischen Betrieben, Behörden, Bildungsträgern und Betroffenen. - Konzeption eines sensiblen Auswahlprozesses
– für Teilnehmende im späteren Modellprojekt, jenseits formaler Bildungsnachweise.
Erwartete Wirkung der Zusammenarbeit:
- Perspektivwechsel anstoßen: Weg von der Defizitbetrachtung hin zu struktureller Verantwortung aller Beteiligten.
- Sensibilisierung und Bewusstseinswandel bei Institutionen und Betrieben im Umgang mit schriftfernen Menschen.
- Stärkung von Selbstwirksamkeit und Teilhabechancen der Zielgruppe.
- Gemeinsames Lernen aller Beteiligten durch dialogorientierte Formate auf Augenhöhe.
- Grundlage für strukturelle Veränderung in Arbeitsvermittlung und betrieblicher Praxis.
Entwicklungspartner:
- KOPF, HAND + FUSS gGmbH (Projektträger)
– verantwortlich für die Konzeption, Koordination und Durchführung des Projekts
– mit langjähriger Erfahrung in inklusiven Bildungsprojekten und sozialer Innovation
Zentrale Kooperationspartner im Entwicklungsprojekt:
Verwaltung & Bezirk:
Bezirksamt Lichtenberg
– BBWA- Beauftragte für Menschen mit Behinderung
Arbeitsmarkt & Vermittlung:
- Jobcenter Berlin Lichtenberg
– z. B. Vermittlungsfachkräfte mit Erfahrung im Umgang mit schriftfernen Personen
– Einbindung in Analyse, Zielgruppenansprache und Konzeptentwicklung
Wirtschaft & Betriebe:
- Vertretungen aus Unternehmen (z. B. BVG, DB Systel – angefragt)
– Perspektiven aus der Praxis
– Mitwirkung bei der Entwicklung realistischer Lösungen für den Arbeitsalltag
Grundbildung & Bildungsarbeit:
- VHS Lichtenberg / Alpha-Bündnis Lichtenberg
- Bürgertreff „Gemeinsam im Kiez“
– Expertise in Grundbildung, direkte Verbindung zur Zielgruppe
– Zusammenarbeit bei Ansprache, Empowerment und Öffentlichkeitsarbeit
Zielgruppe selbst:
- Schriftferne Arbeitssuchende
– eingebunden durch Interviews, Workshops und Dialogformate
– zentrale Stimmen für Perspektivwechsel und passgenaue Lösungen
